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In Phoenix: Klaus Hurrelmann über Jungen und Mädchen

gewege, Sonntag, 10. Mai 2015, 13:23 (vor 1565 Tagen)

Am Sa, 09.05.15, lief in Phoenix von Mitternacht bis 0:35 „Der Dialog“, Michael Krons interviewte Klaus Hurrelmann. Es ging um die Jugendlichen im Allgemeinen, zum großen Teil aber auch um den Bildungserfolg der Mädchen und das Hinterherhinken der Jungen.

http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/diskussionen/michael_krons_mit_prof_klaus_hurrelmann/961098?datum=2015-05-09

https://www.youtube.com/watch?v=8r1Dz_Lyje8

M.E. sehr interessant. Er äußert sich ausführlich über die Situation der Jungen. Unter dem Strich sehe ich bei den Äußerungen Hurrelmanns mehr Details und Begeisterung, wenn er sich über die Mädchen äußert, und seine Ausführungen über die Jungenförderung könnten konkreter sein, auch erwähnt er zwei Mal, dass die Mädchen dabei nicht geschädigt werden – mich würde mal interessieren, ob man sich das umgekehrt bei Mädchenfördermaßnahmen auch irgendwo gefragt hat.

Zum Nachlesen habe ich die für uns wesentlichen Passagen mitgeschrieben und poste sie in den nachfolgenden Einträgen (da man ja offenbar keine Textdateien hochladen kann).

Viele Grüße
Gerhard


Auszüge:

[…] da fällt das auf, im Freizeitverhalten, das wir zunächst ja gar nicht so ernst genommen haben, sieht man, dass die Mädchen […], das sind Sechs- bis Elfjährige, unheimlich viele Freizeitaktivitäten kombinieren. […] Computer und Netzwerk, ja, aber nicht so stark wie die Jungen, und das Handwerken, und Basteln, und Tanzen, und Sport, und Ballett, und alles Mögliche kombinieren, das gibt es so bei den Jungen kaum. Sie haben dieses passivere Verhalten, nur auf dem einen Kanal. Und diese Mehrfachanregung, dieses sich ständig mit verschiedenen Dingen beschäftigen, damit verschiedene Sinne aktivieren, das wissen wir aus der Bildungs- und der Lernforschung, das regt nicht nur den ganzen Körper, auch wichtig, sondern auch Seele und Psyche und Intelligenz an, so dass die Jungs aufpassen müssen, dass sie nun auch in ihrer Intelligenz nicht zurückfallen, wenn sie nur eintönige passive Dinge schwerpunktmäßig machen.

[…]

Und dass die Jungs, im Vergleich zu den Mädchen, so stark hinterherhinken, das ist etwa seit 1980, dass ihre Leistungen im schulischen Sektor auf der Stelle treten, stagnieren, und Mädchen sind stärker geworden. Das bedeutet, sie brauchen Förderung. Und die Förderung muss einmal auf dem intellektuellen, auf dem kognitiven Level einsetzen. Da fällt auf, dass die Jungen schnell aufgeben, und eine Aufgabe, die sie nicht lösen können, als ein Verlierererlebnis verarbeiten, und dann brechen sie ein. Das tun Mädchen nicht. Ein ganz spannendendes Phänomen ist auch, dass die Mädchen und die jungen Frauen ein immer noch sehr kritisches Selbstwertgefühl haben. Das führt aber dazu, wenn sie etwas nicht können, dass sie den Fehler bei sich selbst suchen, dass sie ein Defizit aufarbeiten, sie wollen das schaffen. Die Jungen haben im Vergleich ein sehr positives Bild von sich, und sie glauben, sie könnten eigentlich alles, ein sehr positives Begabungsselbstbild haben sie auch. Wenn die jetzt mal einen Fehler machen oder in der Leistung in der Schule schlecht abschneiden, dann glauben sie, dass es nicht an ihnen liegt, sondern sie suchen den Fehler beim Lehrer und beim Wetter und bei den Eltern und bei den Umständen, und dabei verbessern sie sich nicht. Da müssen wir ansetzen, Selbstattributierung heißt das in der Psychologie, also sich das selbst zuschreiben lernen und an sich arbeiten, da müssen die Junges kräftig ran, Ausdauer, Konzentration und Flexibilität, und dann eben auch, und das hat die Mädchenförderung positiv gezeigt, in die Bereiche, wo die Jungs Defizite haben. Sie sind nach wie vor gut in Mathematik, auch in technischen Fragen, in den Naturwissenschaften, noch schlagen sie die Mädchen, ganz knapp, es wird enger. In den Kommunikationsfächern, Sprachen, in allem, was mit Kommunikation, Koordination zu tun hat, sind sie schwach, war schon immer so, und da offensichtlich müssen sie gefördert werden, wegen der gleichen Erkenntnis, je mehr man kombiniert, je mehr unterschiedliche Anforderungen man bewältigt, desto fitter wird man. Also hier müssen wir umdenken, wir dürfen nicht nur an die Belastung denken, die z.B. starke Leistungsanforderungen mit sich bringen – sie haben auch immer die andere Seite, des Wachsens an den eigenen Aufgaben. Und da die richtige Balance hin zu bekommen, das ist eine Kunst von Pädagoginnen und Pädagogen.

[…]

ich denke, dass gerade im Blick auf die Jungen, die im Moment die Schwächeren im Bildungssystem sind, pauschal, zum Glück gilt das nicht für jeden einzelnen Jungen, wir darauf achten müssen, dass Strukturen fest sind – die Jungen brauchen feste Regeln, ganz klare zeitliche Regeln, soziale Regeln, Umgangsformen, wenn eine Regel gebrochen wird, eine klare Sanktion, Jungen brauchen klare Kante. Nicht im autoritären Sinne, sondern im autoritativen. Sie wissen, das sind die Spielregeln, der Schulklasse, die geben mir Sicherheit. Wenn ich die einhalte, dann weiß ich, wo ich bin. Da müssen wir drauf achten.

Michael Krons: Das suchen sich Mädchen selber?

Klaus Hurrelmann: Und Mädchen sind da viel geschickter, die brauchen das nicht so stark. Die können bei einer Lehrerin, bei einem Lehrer aus Gesten erkennen, was eigentlich die Regeln sind, die man ja meist auch vorher ausgehandelt hat, wo die Lehrerin das gerade anmahnt, dass die eingelöst werden. Die Jungen stellen sich da taub, die brauchen das explizit

[…]

Und im Lauf der Jahrzehnte ist das (Grundschule) zu einem Frauenberuf geworden.

MK: Zum Nachteil der Jungen.

KH: Und ob das jetzt nicht ein Nachteil für die Jungs ist, ist eine sehr umstrittene Frage. Da gibt es Studien, die in die eine, und Studien, die in die andere Richtung sprechen, deswegen können wir uns da noch nicht richtig drauf verlassen. Meine Intuition sagt mir, dass es nicht gut ist, wenn im pädagogischen Prozess nur ein Geschlecht die entsprechende Anregungsrolle einnimmt. Denn Männer und Frauen sind am Ende dann doch sehr unterschiedlich, auch wenn sich unheimlich vieles überschneidet in ihren Eigenschaften. Und die Kinder brauchen beides, sie brauchen den männlichen Impuls, klischeehaft, also das etwas stärker Strukturierende und Fordernde, und sie brauchen den weiblichen Impuls, klischeehaft gesprochen, das Harmoniebildende und Bindende, und beides zusammen ist eine wunderbare pädagogische Konzeption. Das muss nicht von Männern und Frauen kommen, das kann vielleicht auch von einer Frau und einem Mann umgekehrt sein, ja, klar, das weiß ich, aber trotzdem müssen wir es mal benennen, und ich glaube, das gehört in die Schule mit hinein, und am Ende wird es die Jungen fördern, die im Moment uns wegrutschen, und es wird den Mädchen nicht schaden.

Phoenix: Klaus Hurrelmann - Teil 1

gewege, Sonntag, 10. Mai 2015, 13:26 (vor 1565 Tagen) @ gewege

http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/diskussionen/michael_krons_mit_prof_klaus_hurrelmann/961098?datum=2015-05-09

https://www.youtube.com/watch?v=8r1Dz_Lyje8

Michael Krons: (5:26) … Sie sind ja auch in den Lebensentwürfen ja nicht mehr so geprägt wie Generationen vorher, im Sinne von: da gab es mal den Verdiener in der Familie, den Mann, es gibt die Frau, die vielleicht mal eine Nebentätigkeit hat, aber das war ja schon etwas Besonderes – all das hat sich ja verändert. Das heißt aber doch, das führt insgesamt von den äußeren Bedingungen, aber auch von den Rollen, in die sie ja hineinkommen wollen, zu einer großen Verunsicherung. Sind da Frauen und Männer gleich betroffen, Jungs und Mädels gleich betroffen?

Klaus Hurrelmann: Sie haben völlig recht, es kommt alles ins Rutschen, was noch für die Elterngeneration dieser jungen Leute Standard war, standardisierter Lebenslauf war, kann man fast sagen. Erst schulische, dann berufliche Ausbildung, dann in den Beruf, dann eine Familie gründen, also ein getakteter Lebenslauf. Das ist heute nicht mehr der Fall. Heute kann es sein, dass ich nicht mehr in den Beruf komme, es kann sein, dass ich keine Familie gründe, dass ich alles anders disponieren muss. Und da können wir erkennen, ja, die Geschlechtsunterschiede sind deutlich, da können wir aus allen Untersuchungen erkennen, dass die jungen Frauen eher besser mit dieser veränderten, flexiblen, ständig selbst organisierbaren und aber auch selbst zu organisierenden Lebenssituation umgehen. Sie sind das gewohnt, sie erblicken eine Chance darin. Sie wollen jetzt das alte Frauenbild Kinder, Küche, Kirche, Kommune, könnte man sagen, anreichern um das K der Karriere, und das tun sie auch. Also in den Shell-Jugendstudien, wo ich beteiligt bin seit 2002, sehen wir das, die jungen Frauen wollen alles. Sie wollen sich flexibel auf diese Situation einstellen. Da hinken die jungen Männer noch hinterher. Sie sind auch im Bildungsbereich nicht so gut, das hängt sicherlich miteinander zusammen, weil sie nicht so aktiv sind. Also in diesem Krisenmodus, wie es uns Älteren erscheint, für die Jüngeren ist das ja keine Krise, sondern das ist das Leben, das ist die offene Gesellschaft, in die sie, wie die Weinrebe, nun mal reingesetzt wurden, in diesem Krisenmodus kommen die Frauen im Moment besser zurecht als die Männer.

MK: Sie schreiben ja, dass das sogar ein richtig großes Problem ist, und auch in der Gesellschaft sich schon abbildet als Problem, die Frauen sind auf der Überholspur, es ist ja nun schon lange, lange gesagt worden, sie sollen endlich mal ihre eigenen Karriere machen können, sie sollen mal ihre neue Rolle in der Gesellschaft finden können. Das haben sie offenbar geschafft, aber die Jungen werden im Grunde abgehängt, die Männer werden abgehängt. Warum eigentlich?

KH: (8:05) Ja, weil die Frauen unheimlich klug in das investiert haben, was man in dieser Unsicherheitsphase zwischen 2000 und 2015 machen konnte, sie haben nämlich gute Bildungsabschlüsse eingefahren. Das geht heute bis in das Studium hinein. Medizinstudium, fast 70 % Frauen, das muss man sich mal vorstellen. Es wird ein Frauenberuf werden in Kürze. Die gehen auch zunehmend in die Naturwissenschaften. Es ist alles eine Frage der Zeit, bis sie auch Karriere machen werden. Da gibt es noch unübersehbare Hindernisse, auch Hemmnisse, die jungen Frauen trauen sich da noch nicht so viel. Aber insgesamt sind sie so aufgestellt, dass sie jetzt ihren Weg gehen wollen, dass sie das traditionelle Frauenbild nicht ganz verlassen wollen, sie wollen weiterhin Kinder haben, sie wollen eine Familie gründen, aber eben auf hohem Niveau. Und da haben Sie recht, die Modernität, ihre Flexibilität, ihre Cleverness auch, dieses Nichtabbringenlassen, das ist ja harte Arbeit, das sieht man den jungen Frauen ja auch an. Der steht eine etwas nonchalante, zurückhaltende Art der jungen Männer gegenüber, so dass ich immer sage, den modernen jungen Frauen gehen die modernen jungen Männer aus, und es kommt hier zu Passungsproblemen, oder auch zu Paarungsproblemen, wenn wir so wollen.

MK: (9:22) Aber Sie sagen, dass ist nicht nur ein Reflektieren auf die gesellschaftliche Situation, sondern auch ein Reflex auf die Sensibilität dem eigenen Körper gegenüber. Das finde ich sehr spannend, Sie sind ja an der Heartie School of Governance, in Berlin, und sind auch in der Gesundheitsprävention tätig. Was heißt denn das, was passiert denn da im Reflex auf den eigenen Körper, warum ist das so wichtig?

KH: Wir haben diese Erfahrung schon lange, dass Frauen mit ihrem Körper bewusster umgehen als Männer. Man muss vermuten, dass das teilweise jedenfalls angelegt ist, es könnte mit der ersten Blutung zu tun haben, die eine Frau hat, die ja ein Mann bei der Geschlechtsreife in solch einer massiven Weise nicht erfährt, den Körper, und dadurch eine hohe Sensibilität bei Frauen dem Körper gegenüber. Ich muss ständig als junge Frau schauen, was tut mein Körper, was sagt er mir, ich kann nicht gegen meinen Körper agieren. Das glauben wir Männer oft, wir sind ja das starke Geschlecht, wir dürfen ja keine Schwäche zeigen, da kommen dann soziale Rollenvorstellungen mit ins Spiel, und so kommt es dazu, dass Frauen unheimlich weinerlich, hoch sensibel, übersensibel ihrem Körper gegenüber sein können, am Ende damit aber gut fahren. Sie haben möglicherweise, nach ihrem eigenen Empfinden eindeutig, mehr Krankheiten, mehr gesundheitliche Belastungen, aber sie leben länger, und zwischendurch sind sie auch durchaus leistungsfähiger als Männer. Also das sind ganz spannende Fragen der Gesundheitsforschung, die sich in den letzten Jahren aufgetan haben. Mit der Veränderung der beruflichen Anforderungen, der gesellschaftlichen Anforderungen, immer mehr in Richtung Kommunikation, ja, das können wir jetzt verlängern, was wir eben gesagt haben, immer mehr Aufmerksamkeit durch digitale Medien, ständiges auf dem Kibik(?)-Sein, alles genau beobachten, ständig monitoren, sondieren, was los ist, wie’s da weiter geht, da sind Frauen sehr stark. Männer fallen nicht völlig ab, das wäre falsch, sie sind die größeren Experten im Umgang mit der Technik, auch mit der digitalen Technik, aber sie sind nicht ganz so kreativ dabei, das für sich selbst zu nutzen und zu ihrem eigenen Vorteil, auch zu ihrem eigenen körperlichen und psychischem Vorteil einzusetzen. Hier muss man nochmal sagen, ein Loblied auf die jungen Frauen heute, die da unheimlich gut mit dem veränderten „Weinberg“ zurechtkommen.

MK: (11:56) Aber das heiß ja im Grunde, dass diese Flexibilität, um die es Ihnen geht, diese Flexibilität, die Frauen erfahren müssen, weil sie nämlich verschiedene Rollen einnehmen müssen, eigentlich schon darin angelegt ist, wie sie auch schon in der Jugend damit umgehen. Sie gehen ja, wie Sie beschreiben in den Studien, auch vor den Computer, arbeiten mit technischem Gerät, aber sie mixen das noch mit vielen anderen Tätigkeiten, während die Jungen in ihrem jungen Alter eher sich wirklich konzentrieren auf die passive Unterhaltung, das Fernsehen schauen, mit dem Computer Spiele machen, etc., das setzt sich eigentlich dann im Erwachsenenalter fort, denn Frauen müssen ja, wenn sie verschiedene Rollen haben, sehr viel flexibler sein, sie müssen die Mutter sein, sie müssen die Ehepartnerin sein, und sie wollen dann noch im Zweifel Karriere machen. Das macht sie ja fitter offenbar, und lässt sie nicht zurückfallen.

Phoenix: Klaus Hurrelmann - Teil 2

gewege, Sonntag, 10. Mai 2015, 13:28 (vor 1565 Tagen) @ gewege


KH: Ganz genau, wir haben jahrelang angenommen, dass diese soziologisch gesprochen, Multirollenbelastung nur eine Belastung ist, und zum Nachteil der Frauen wird. Das stimmt aber nicht. Und Sie zitieren gewissermaßen ein Ergebnis der Kinderstudien, die wir haben und da fällt das auf, im Freizeitverhalten, das wir zunächst ja gar nicht so ernst genommen haben, sieht man, dass die Mädchen, das ist in diesem Falle hier die World Vision Kinderstudie, das sind Sechs- bis Elfjährige, unheimlich viele Freizeitaktivitäten kombinieren. Wie Sie schon gesagt haben, Computer und Netzwerk, ja, aber nicht so stark wie die Jungen, und das Handwerken, und Basteln, und Tanzen, und Sport, und Ballett, und alles Mögliche kombinieren, das gibt es so bei den Jungen kaum. Sie haben dieses passivere Verhalten, nur auf dem einen Kanal. Und diese Mehrfachanregung, dieses sich ständig mit verschiedenen Dingen beschäftigen, damit verschiedene Sinne aktivieren, das wissen wir aus der Bildungs- und der Lernforschung, das regt nicht nur den ganzen Körper, auch wichtig, sondern auch Seele und Psyche und Intelligenz an, so dass die Jungs aufpassen müssen, dass sie nun auch in ihrer Intelligenz nicht zurückfallen, wenn sie nur eintönige passive Dinge schwerpunktmäßig machen.

MK: Das hat schon Folgen, was auch in der Hirnforschung inzwischen festgestellt worden ist, in der Entwicklung, in der Hirnentwicklung bei Jungen, aber jetzt muss man ja eigentlich den Schritt weiter gehen. Wenn diese Lage so ist, wie sie ist, dann hat das ja erhebliche Konsequenzen nicht nur im Hinblick auf die Art, wie man in der Bildung mit Jungen umgehen muss, sondern auch, wie sich möglicherweise in der kommenden Erwachsenengesellschaft die Rollen verteilen. Wie müsste man in der Bildung jetzt mit Jungen umgehen, müssen die Nachhilfeunterricht kriegen?

KH: (14:35) Ja, ich bin der Auffassung, dass das der Fall ist. Das sollten wir vielleicht dann, wie wir es bei den jungen Mädchen getan haben, eine Mädchenförderung oder eine Frauenförderung nennen, im Bildungsbereich. Und dass die Jungs, im Vergleich zu den Mädchen, so stark hinterherhinken, das ist etwa seit 1980, dass ihre Leistungen im schulischen Sektor auf der Stelle treten, stagnieren, und Mädchen sind stärker geworden. Das bedeutet, sie brauchen Förderung. Und die Förderung muss einmal auf dem intellektuellen, auf dem kognitiven Level einsetzen. Da fällt auf, dass die Jungen schnell aufgeben, und eine Aufgabe, die sie nicht lösen können, als ein Verlierererlebnis verarbeiten, und dann brechen sie ein. Das tun Mädchen nicht. Ein ganz spannendendes Phänomen ist auch, dass die Mädchen und die jungen Frauen ein immer noch sehr kritisches Selbstwertgefühl haben. Das führt aber dazu, wenn sie etwas nicht können, dass sie den Fehler bei sich selbst suchen, dass sie ein Defizit aufarbeiten, sie wollen das schaffen. Die Jungen haben im Vergleich ein sehr positives Bild von sich, und sie glauben, sie könnten eigentlich alles, ein sehr positives Begabungsselbstbild haben sie auch. Wenn die jetzt mal einen Fehler machen oder in der Leistung in der Schule schlecht abschneiden, dann glauben sie, dass es nicht an ihnen liegt, sondern sie suchen den Fehler beim Lehrer und beim Wetter und bei den Eltern und bei den Umständen, und dabei verbessern sie sich nicht. Da müssen wir ansetzen, Selbstattributierung heißt das in der Psychologie, also sich das selbst zuschreiben lernen und an sich arbeiten, da müssen die Junges kräftig ran, Ausdauer, Konzentration und Flexibilität, und dann eben auch, und das hat die Mädchenförderung positiv gezeigt, in die Bereiche, wo die Jungs Defizite haben. Sie sind nach wie vor gut in Mathematik, auch in technischen Fragen, in den Naturwissenschaften, noch schlagen sie die Mädchen, ganz knapp, es wird enger. (16:32) In den Kommunikationsfächern, Sprachen, in allem, was mit Kommunikation, Koordination zu tun hat, sind sie schwach, war schon immer so, und da offensichtlich müssen sie gefördert werden, wegen der gleichen Erkenntnis, je mehr man kombiniert, je mehr unterschiedliche Anforderungen man bewältigt, desto fitter wird man. Also hier müssen wir umdenken, wir dürfen nicht nur an die Belastung denken, die z.B. starke Leistungsanforderungen mit sich bringen – sie haben auch immer die andere Seite, des Wachsens an den eigenen Aufgaben. Und da die richtige Balance hin zu bekommen, das ist eine Kunst von Pädagoginnen und Pädagogen.

MK: (17:10) Herr Hurrelmann, Sie sind in Bielefeld und in Essen Professor gewesen, Sie haben sich auch in dieser Zeit immer auseinandergesetzt mit dem Bildungswesen, das gehört ja nun mal als Pädagoge dazu, uns Sie haben immer gesagt, das ist ungerecht, und wenn die Lage jetzt für die beiden Geschlechter nun mal so ist, wie sie ist, wie Sie sie beschreiben, und für die Jungen, dann müssten Sie uns doch jetzt sagen könne, was denn im Bildungswesen verändert werden muss, das ja ständig in der Kritik steht, um dieser neuen Generation, und dann auch dem speziellen Problem von Jungen gerecht zu werden.

KH: Mh, ich denke, dass gerade im Blick auf die Jungen, die im Moment die Schwächeren im Bildungssystem sind, pauschal, zum Glück gilt das nicht für jeden einzelnen Jungen, wir darauf achten müssen, dass Strukturen fest sind – die Jungen brauchen feste Regeln, ganz klare zeitliche Regeln, soziale Regeln, Umgangsformen, wenn eine Regel gebrochen wird, eine klare Sanktion, Jungen brauchen klare Kante. Nicht im autoritären Sinne, sondern im autoritativen. Sie wissen, das sind die Spielregeln, der Schulklasse, die geben mir Sicherheit. Wenn ich die einhalte, dann weiß ich, wo ich bin. Da müssen wir drauf achten.

MK: Das suchen sich Mädchen selber?

KH: (18:27) Und Mädchen sind da viel geschickter, die brauchen das nicht so stark. Die können bei einer Lehrerin, bei einem Lehrer aus Gesten erkennen, was eigentlich die Regeln sind, die man ja meist auch vorher ausgehandelt hat, wo die Lehrerin das gerade anmahnt, dass die eingelöst werden. Die Jungen stellen sich da taub, die brauchen das explizit. Das ist glaub‘ ich lernbar, und wird auch in vielen Schulen schon gemacht, und wenn diese Struktur einmal steht, dann muss anschließend‚ ‘ne vielmehr Eigenarbeit, selbständige Arbeit, Partizipation der Schülerinnen und Schüler kommen. Das verlangen die heute, die sind durch moderne Medien gewohnt, selbst zu machen und zu fummeln. Hier müssen wir jetzt die Jungen auch abholen, nicht nur passiv ihre Computertechniken und ihre Spiele spielen, sondern das jetzt einsetzen, um irgendetwas zu produzieren, eine Dienstleistung zu bringen, einen Lernprozess zu wecken. Ich bin also sehr dafür, das in den schulischen Arbeits- und Unterrichtsprozess einzubeziehen, die Kompetenz, die die Jungs ja auch haben, zu aktivieren, alles regelgeleitet, strukturiert, das ist immer die wichtigste Präambel, dass das alles eine feste Struktur haben muss, sonst gehen die Jungen schwimmen oder sie weichen aus und gehen weg. Mädchen werden hierdurch nicht geschädigt, das kann man auch sagen. Also ein Unterricht, der den Anteil von Eigenständigkeit noch weiter betont, die Selbstverantwortung noch weiter betont, und das wäre das, was wir auch in Zeiten der digitalen Revolution brauchen und können, das kann moderner Unterricht auch tun. Und, ja, wenn wir das übersetzen, heißt das, wir brauchen Schulen, die solch ein offenes pädagogisches Programm fahren, das aber in festen und klaren Regelstrukturen machen. Das ist eigentlich eine alte Idee auch der Reformpädagogik gewesen.

MK: (20:19) Was zum Beispiel auch bedeutet, dass Sie in einer Grundschule es als sehr sinnvoll erachten, dass der Anteil männlicher Lehrer größer ist, weil da für die Jungen eine stärkere Identifikation möglich wird.

KH: Tja, das ist noch so ein Thema für sich, ob es klug ist…

MK: Wobei man das ja nicht – man kann ja nicht einfach sagen, Sie werden jetzt Lehrer in der Grundschule, also das zu steuern, ist ja ausgesprochen schwierig.

KH: Es ist auch ganz interessant, in der Nachkriegszeit, nicht nur in Deutschland, war der Lehrerberuf, gerade auch der Grundschullehrerberuf, damals noch Volksschule, ein absolut männlicher Beruf, und galt als der Aufsteigerberuf. Wer etwas werden wollte, aus kleinen Verhältnissen, der hatte hier eine echte Chance. Und im Lauf der Jahrzehnte ist das zu einem Frauenberuf geworden.

MK: Zum Nachteil der Jungen.

KH: (21:07) Und ob das jetzt nicht ein Nachteil für die Jungs ist, ist eine sehr umstrittene Frage. Da gibt es Studien, die in die eine, und Studien, die in die andere Richtung sprechen, deswegen können wir uns da noch nicht richtig drauf verlassen. Meine Intuition sagt mir, dass es nicht gut ist, wenn im pädagogischen Prozess nur ein Geschlecht die entsprechende Anregungsrolle einnimmt. Denn Männer und Frauen sind am Ende dann doch sehr unterschiedlich, auch wenn sich unheimlich vieles überschneidet in ihren Eigenschaften. Und die Kinder brauchen beides, sie brauchen den männlichen Impuls, klischeehaft, also das etwas stärker Strukturierende und Fordernde, und sie brauchen den weiblichen Impuls, klischeehaft gesprochen, das Harmoniebildende und Bindende, und beides zusammen ist eine wunderbare pädagogische Konzeption. Das muss nicht von Männern und Frauen kommen, das kann vielleicht auch von einer Frau und einem Mann umgekehrt sein, ja, klar, das weiß ich, aber trotzdem müssen wir es mal benennen, und ich glaube, das gehört in die Schule mit hinein, und am Ende wird es die Jungen fördern, die im Moment uns wegrutschen, und es wird den Mädchen nicht schaden.
(22:19)

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