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Phoenix: Klaus Hurrelmann - Teil 2

gewege, Sonntag, 10. Mai 2015, 13:28 (vor 1563 Tagen) @ gewege


KH: Ganz genau, wir haben jahrelang angenommen, dass diese soziologisch gesprochen, Multirollenbelastung nur eine Belastung ist, und zum Nachteil der Frauen wird. Das stimmt aber nicht. Und Sie zitieren gewissermaßen ein Ergebnis der Kinderstudien, die wir haben und da fällt das auf, im Freizeitverhalten, das wir zunächst ja gar nicht so ernst genommen haben, sieht man, dass die Mädchen, das ist in diesem Falle hier die World Vision Kinderstudie, das sind Sechs- bis Elfjährige, unheimlich viele Freizeitaktivitäten kombinieren. Wie Sie schon gesagt haben, Computer und Netzwerk, ja, aber nicht so stark wie die Jungen, und das Handwerken, und Basteln, und Tanzen, und Sport, und Ballett, und alles Mögliche kombinieren, das gibt es so bei den Jungen kaum. Sie haben dieses passivere Verhalten, nur auf dem einen Kanal. Und diese Mehrfachanregung, dieses sich ständig mit verschiedenen Dingen beschäftigen, damit verschiedene Sinne aktivieren, das wissen wir aus der Bildungs- und der Lernforschung, das regt nicht nur den ganzen Körper, auch wichtig, sondern auch Seele und Psyche und Intelligenz an, so dass die Jungs aufpassen müssen, dass sie nun auch in ihrer Intelligenz nicht zurückfallen, wenn sie nur eintönige passive Dinge schwerpunktmäßig machen.

MK: Das hat schon Folgen, was auch in der Hirnforschung inzwischen festgestellt worden ist, in der Entwicklung, in der Hirnentwicklung bei Jungen, aber jetzt muss man ja eigentlich den Schritt weiter gehen. Wenn diese Lage so ist, wie sie ist, dann hat das ja erhebliche Konsequenzen nicht nur im Hinblick auf die Art, wie man in der Bildung mit Jungen umgehen muss, sondern auch, wie sich möglicherweise in der kommenden Erwachsenengesellschaft die Rollen verteilen. Wie müsste man in der Bildung jetzt mit Jungen umgehen, müssen die Nachhilfeunterricht kriegen?

KH: (14:35) Ja, ich bin der Auffassung, dass das der Fall ist. Das sollten wir vielleicht dann, wie wir es bei den jungen Mädchen getan haben, eine Mädchenförderung oder eine Frauenförderung nennen, im Bildungsbereich. Und dass die Jungs, im Vergleich zu den Mädchen, so stark hinterherhinken, das ist etwa seit 1980, dass ihre Leistungen im schulischen Sektor auf der Stelle treten, stagnieren, und Mädchen sind stärker geworden. Das bedeutet, sie brauchen Förderung. Und die Förderung muss einmal auf dem intellektuellen, auf dem kognitiven Level einsetzen. Da fällt auf, dass die Jungen schnell aufgeben, und eine Aufgabe, die sie nicht lösen können, als ein Verlierererlebnis verarbeiten, und dann brechen sie ein. Das tun Mädchen nicht. Ein ganz spannendendes Phänomen ist auch, dass die Mädchen und die jungen Frauen ein immer noch sehr kritisches Selbstwertgefühl haben. Das führt aber dazu, wenn sie etwas nicht können, dass sie den Fehler bei sich selbst suchen, dass sie ein Defizit aufarbeiten, sie wollen das schaffen. Die Jungen haben im Vergleich ein sehr positives Bild von sich, und sie glauben, sie könnten eigentlich alles, ein sehr positives Begabungsselbstbild haben sie auch. Wenn die jetzt mal einen Fehler machen oder in der Leistung in der Schule schlecht abschneiden, dann glauben sie, dass es nicht an ihnen liegt, sondern sie suchen den Fehler beim Lehrer und beim Wetter und bei den Eltern und bei den Umständen, und dabei verbessern sie sich nicht. Da müssen wir ansetzen, Selbstattributierung heißt das in der Psychologie, also sich das selbst zuschreiben lernen und an sich arbeiten, da müssen die Junges kräftig ran, Ausdauer, Konzentration und Flexibilität, und dann eben auch, und das hat die Mädchenförderung positiv gezeigt, in die Bereiche, wo die Jungs Defizite haben. Sie sind nach wie vor gut in Mathematik, auch in technischen Fragen, in den Naturwissenschaften, noch schlagen sie die Mädchen, ganz knapp, es wird enger. (16:32) In den Kommunikationsfächern, Sprachen, in allem, was mit Kommunikation, Koordination zu tun hat, sind sie schwach, war schon immer so, und da offensichtlich müssen sie gefördert werden, wegen der gleichen Erkenntnis, je mehr man kombiniert, je mehr unterschiedliche Anforderungen man bewältigt, desto fitter wird man. Also hier müssen wir umdenken, wir dürfen nicht nur an die Belastung denken, die z.B. starke Leistungsanforderungen mit sich bringen – sie haben auch immer die andere Seite, des Wachsens an den eigenen Aufgaben. Und da die richtige Balance hin zu bekommen, das ist eine Kunst von Pädagoginnen und Pädagogen.

MK: (17:10) Herr Hurrelmann, Sie sind in Bielefeld und in Essen Professor gewesen, Sie haben sich auch in dieser Zeit immer auseinandergesetzt mit dem Bildungswesen, das gehört ja nun mal als Pädagoge dazu, uns Sie haben immer gesagt, das ist ungerecht, und wenn die Lage jetzt für die beiden Geschlechter nun mal so ist, wie sie ist, wie Sie sie beschreiben, und für die Jungen, dann müssten Sie uns doch jetzt sagen könne, was denn im Bildungswesen verändert werden muss, das ja ständig in der Kritik steht, um dieser neuen Generation, und dann auch dem speziellen Problem von Jungen gerecht zu werden.

KH: Mh, ich denke, dass gerade im Blick auf die Jungen, die im Moment die Schwächeren im Bildungssystem sind, pauschal, zum Glück gilt das nicht für jeden einzelnen Jungen, wir darauf achten müssen, dass Strukturen fest sind – die Jungen brauchen feste Regeln, ganz klare zeitliche Regeln, soziale Regeln, Umgangsformen, wenn eine Regel gebrochen wird, eine klare Sanktion, Jungen brauchen klare Kante. Nicht im autoritären Sinne, sondern im autoritativen. Sie wissen, das sind die Spielregeln, der Schulklasse, die geben mir Sicherheit. Wenn ich die einhalte, dann weiß ich, wo ich bin. Da müssen wir drauf achten.

MK: Das suchen sich Mädchen selber?

KH: (18:27) Und Mädchen sind da viel geschickter, die brauchen das nicht so stark. Die können bei einer Lehrerin, bei einem Lehrer aus Gesten erkennen, was eigentlich die Regeln sind, die man ja meist auch vorher ausgehandelt hat, wo die Lehrerin das gerade anmahnt, dass die eingelöst werden. Die Jungen stellen sich da taub, die brauchen das explizit. Das ist glaub‘ ich lernbar, und wird auch in vielen Schulen schon gemacht, und wenn diese Struktur einmal steht, dann muss anschließend‚ ‘ne vielmehr Eigenarbeit, selbständige Arbeit, Partizipation der Schülerinnen und Schüler kommen. Das verlangen die heute, die sind durch moderne Medien gewohnt, selbst zu machen und zu fummeln. Hier müssen wir jetzt die Jungen auch abholen, nicht nur passiv ihre Computertechniken und ihre Spiele spielen, sondern das jetzt einsetzen, um irgendetwas zu produzieren, eine Dienstleistung zu bringen, einen Lernprozess zu wecken. Ich bin also sehr dafür, das in den schulischen Arbeits- und Unterrichtsprozess einzubeziehen, die Kompetenz, die die Jungs ja auch haben, zu aktivieren, alles regelgeleitet, strukturiert, das ist immer die wichtigste Präambel, dass das alles eine feste Struktur haben muss, sonst gehen die Jungen schwimmen oder sie weichen aus und gehen weg. Mädchen werden hierdurch nicht geschädigt, das kann man auch sagen. Also ein Unterricht, der den Anteil von Eigenständigkeit noch weiter betont, die Selbstverantwortung noch weiter betont, und das wäre das, was wir auch in Zeiten der digitalen Revolution brauchen und können, das kann moderner Unterricht auch tun. Und, ja, wenn wir das übersetzen, heißt das, wir brauchen Schulen, die solch ein offenes pädagogisches Programm fahren, das aber in festen und klaren Regelstrukturen machen. Das ist eigentlich eine alte Idee auch der Reformpädagogik gewesen.

MK: (20:19) Was zum Beispiel auch bedeutet, dass Sie in einer Grundschule es als sehr sinnvoll erachten, dass der Anteil männlicher Lehrer größer ist, weil da für die Jungen eine stärkere Identifikation möglich wird.

KH: Tja, das ist noch so ein Thema für sich, ob es klug ist…

MK: Wobei man das ja nicht – man kann ja nicht einfach sagen, Sie werden jetzt Lehrer in der Grundschule, also das zu steuern, ist ja ausgesprochen schwierig.

KH: Es ist auch ganz interessant, in der Nachkriegszeit, nicht nur in Deutschland, war der Lehrerberuf, gerade auch der Grundschullehrerberuf, damals noch Volksschule, ein absolut männlicher Beruf, und galt als der Aufsteigerberuf. Wer etwas werden wollte, aus kleinen Verhältnissen, der hatte hier eine echte Chance. Und im Lauf der Jahrzehnte ist das zu einem Frauenberuf geworden.

MK: Zum Nachteil der Jungen.

KH: (21:07) Und ob das jetzt nicht ein Nachteil für die Jungs ist, ist eine sehr umstrittene Frage. Da gibt es Studien, die in die eine, und Studien, die in die andere Richtung sprechen, deswegen können wir uns da noch nicht richtig drauf verlassen. Meine Intuition sagt mir, dass es nicht gut ist, wenn im pädagogischen Prozess nur ein Geschlecht die entsprechende Anregungsrolle einnimmt. Denn Männer und Frauen sind am Ende dann doch sehr unterschiedlich, auch wenn sich unheimlich vieles überschneidet in ihren Eigenschaften. Und die Kinder brauchen beides, sie brauchen den männlichen Impuls, klischeehaft, also das etwas stärker Strukturierende und Fordernde, und sie brauchen den weiblichen Impuls, klischeehaft gesprochen, das Harmoniebildende und Bindende, und beides zusammen ist eine wunderbare pädagogische Konzeption. Das muss nicht von Männern und Frauen kommen, das kann vielleicht auch von einer Frau und einem Mann umgekehrt sein, ja, klar, das weiß ich, aber trotzdem müssen wir es mal benennen, und ich glaube, das gehört in die Schule mit hinein, und am Ende wird es die Jungen fördern, die im Moment uns wegrutschen, und es wird den Mädchen nicht schaden.
(22:19)


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