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In Phoenix: Klaus Hurrelmann über Jungen und Mädchen

gewege, Sonntag, 10. Mai 2015, 13:23 (vor 1563 Tagen)

Am Sa, 09.05.15, lief in Phoenix von Mitternacht bis 0:35 „Der Dialog“, Michael Krons interviewte Klaus Hurrelmann. Es ging um die Jugendlichen im Allgemeinen, zum großen Teil aber auch um den Bildungserfolg der Mädchen und das Hinterherhinken der Jungen.

http://www.phoenix.de/content/phoenix/die_sendungen/diskussionen/michael_krons_mit_prof_klaus_hurrelmann/961098?datum=2015-05-09

https://www.youtube.com/watch?v=8r1Dz_Lyje8

M.E. sehr interessant. Er äußert sich ausführlich über die Situation der Jungen. Unter dem Strich sehe ich bei den Äußerungen Hurrelmanns mehr Details und Begeisterung, wenn er sich über die Mädchen äußert, und seine Ausführungen über die Jungenförderung könnten konkreter sein, auch erwähnt er zwei Mal, dass die Mädchen dabei nicht geschädigt werden – mich würde mal interessieren, ob man sich das umgekehrt bei Mädchenfördermaßnahmen auch irgendwo gefragt hat.

Zum Nachlesen habe ich die für uns wesentlichen Passagen mitgeschrieben und poste sie in den nachfolgenden Einträgen (da man ja offenbar keine Textdateien hochladen kann).

Viele Grüße
Gerhard


Auszüge:

[…] da fällt das auf, im Freizeitverhalten, das wir zunächst ja gar nicht so ernst genommen haben, sieht man, dass die Mädchen […], das sind Sechs- bis Elfjährige, unheimlich viele Freizeitaktivitäten kombinieren. […] Computer und Netzwerk, ja, aber nicht so stark wie die Jungen, und das Handwerken, und Basteln, und Tanzen, und Sport, und Ballett, und alles Mögliche kombinieren, das gibt es so bei den Jungen kaum. Sie haben dieses passivere Verhalten, nur auf dem einen Kanal. Und diese Mehrfachanregung, dieses sich ständig mit verschiedenen Dingen beschäftigen, damit verschiedene Sinne aktivieren, das wissen wir aus der Bildungs- und der Lernforschung, das regt nicht nur den ganzen Körper, auch wichtig, sondern auch Seele und Psyche und Intelligenz an, so dass die Jungs aufpassen müssen, dass sie nun auch in ihrer Intelligenz nicht zurückfallen, wenn sie nur eintönige passive Dinge schwerpunktmäßig machen.

[…]

Und dass die Jungs, im Vergleich zu den Mädchen, so stark hinterherhinken, das ist etwa seit 1980, dass ihre Leistungen im schulischen Sektor auf der Stelle treten, stagnieren, und Mädchen sind stärker geworden. Das bedeutet, sie brauchen Förderung. Und die Förderung muss einmal auf dem intellektuellen, auf dem kognitiven Level einsetzen. Da fällt auf, dass die Jungen schnell aufgeben, und eine Aufgabe, die sie nicht lösen können, als ein Verlierererlebnis verarbeiten, und dann brechen sie ein. Das tun Mädchen nicht. Ein ganz spannendendes Phänomen ist auch, dass die Mädchen und die jungen Frauen ein immer noch sehr kritisches Selbstwertgefühl haben. Das führt aber dazu, wenn sie etwas nicht können, dass sie den Fehler bei sich selbst suchen, dass sie ein Defizit aufarbeiten, sie wollen das schaffen. Die Jungen haben im Vergleich ein sehr positives Bild von sich, und sie glauben, sie könnten eigentlich alles, ein sehr positives Begabungsselbstbild haben sie auch. Wenn die jetzt mal einen Fehler machen oder in der Leistung in der Schule schlecht abschneiden, dann glauben sie, dass es nicht an ihnen liegt, sondern sie suchen den Fehler beim Lehrer und beim Wetter und bei den Eltern und bei den Umständen, und dabei verbessern sie sich nicht. Da müssen wir ansetzen, Selbstattributierung heißt das in der Psychologie, also sich das selbst zuschreiben lernen und an sich arbeiten, da müssen die Junges kräftig ran, Ausdauer, Konzentration und Flexibilität, und dann eben auch, und das hat die Mädchenförderung positiv gezeigt, in die Bereiche, wo die Jungs Defizite haben. Sie sind nach wie vor gut in Mathematik, auch in technischen Fragen, in den Naturwissenschaften, noch schlagen sie die Mädchen, ganz knapp, es wird enger. In den Kommunikationsfächern, Sprachen, in allem, was mit Kommunikation, Koordination zu tun hat, sind sie schwach, war schon immer so, und da offensichtlich müssen sie gefördert werden, wegen der gleichen Erkenntnis, je mehr man kombiniert, je mehr unterschiedliche Anforderungen man bewältigt, desto fitter wird man. Also hier müssen wir umdenken, wir dürfen nicht nur an die Belastung denken, die z.B. starke Leistungsanforderungen mit sich bringen – sie haben auch immer die andere Seite, des Wachsens an den eigenen Aufgaben. Und da die richtige Balance hin zu bekommen, das ist eine Kunst von Pädagoginnen und Pädagogen.

[…]

ich denke, dass gerade im Blick auf die Jungen, die im Moment die Schwächeren im Bildungssystem sind, pauschal, zum Glück gilt das nicht für jeden einzelnen Jungen, wir darauf achten müssen, dass Strukturen fest sind – die Jungen brauchen feste Regeln, ganz klare zeitliche Regeln, soziale Regeln, Umgangsformen, wenn eine Regel gebrochen wird, eine klare Sanktion, Jungen brauchen klare Kante. Nicht im autoritären Sinne, sondern im autoritativen. Sie wissen, das sind die Spielregeln, der Schulklasse, die geben mir Sicherheit. Wenn ich die einhalte, dann weiß ich, wo ich bin. Da müssen wir drauf achten.

Michael Krons: Das suchen sich Mädchen selber?

Klaus Hurrelmann: Und Mädchen sind da viel geschickter, die brauchen das nicht so stark. Die können bei einer Lehrerin, bei einem Lehrer aus Gesten erkennen, was eigentlich die Regeln sind, die man ja meist auch vorher ausgehandelt hat, wo die Lehrerin das gerade anmahnt, dass die eingelöst werden. Die Jungen stellen sich da taub, die brauchen das explizit

[…]

Und im Lauf der Jahrzehnte ist das (Grundschule) zu einem Frauenberuf geworden.

MK: Zum Nachteil der Jungen.

KH: Und ob das jetzt nicht ein Nachteil für die Jungs ist, ist eine sehr umstrittene Frage. Da gibt es Studien, die in die eine, und Studien, die in die andere Richtung sprechen, deswegen können wir uns da noch nicht richtig drauf verlassen. Meine Intuition sagt mir, dass es nicht gut ist, wenn im pädagogischen Prozess nur ein Geschlecht die entsprechende Anregungsrolle einnimmt. Denn Männer und Frauen sind am Ende dann doch sehr unterschiedlich, auch wenn sich unheimlich vieles überschneidet in ihren Eigenschaften. Und die Kinder brauchen beides, sie brauchen den männlichen Impuls, klischeehaft, also das etwas stärker Strukturierende und Fordernde, und sie brauchen den weiblichen Impuls, klischeehaft gesprochen, das Harmoniebildende und Bindende, und beides zusammen ist eine wunderbare pädagogische Konzeption. Das muss nicht von Männern und Frauen kommen, das kann vielleicht auch von einer Frau und einem Mann umgekehrt sein, ja, klar, das weiß ich, aber trotzdem müssen wir es mal benennen, und ich glaube, das gehört in die Schule mit hinein, und am Ende wird es die Jungen fördern, die im Moment uns wegrutschen, und es wird den Mädchen nicht schaden.


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